Speedruns: Zocken gegen die Zeit

Games 24.10.2016

Für wen nicht einmal mehr der höchste Schwierigkeitsgrad seines Lieblingsspiels eine Herausforderung darstellt, der ist bereit für einen Speedrun. Bei einem Speedrun geht es darum, ein Videospiel so schnell wie möglich durchzuspielen und bisherige Rekordzeiten zu unterbieten. Das stellt besondere Anforderungen an Geschick, Können und Nerven – Casual Gamer werden hierbei meist kläglich scheitern. Bei Speedruns ist die größte Herausforderung nicht, das Game an sich zu meistern, sondern die Bestzeiten anderer Spieler der Community zu unterbieten.

Es geht immer noch besser und schneller

Für einen Speedrun reicht es nicht, das Game problemlos durchspielen zu können. Um ein Spiel so schnell wie möglich durchzuspielen, muss der Spieler die Spielmechanik bestens beherrschen und jede noch so kleine Ecke der Spielwelt auswendig kennen – jeder Schritt muss geplant und jede Gegnerposition bekannt sein. Glitches und Bugs muss der Spieler ebenfalls kennen, denn auch sie können dem Speedrunner dabei unterstützen, das Spielende in Rekordzeit zu erreichen. Deshalb sind meist mehrere normale Durchgänge nötig, bevor überhaupt an einen Speedrun gedacht werden kann.

Man kann den Speedrun auch als eine Art Optimierungsprozess sehen: Es gilt, stetig einen besseren, schnellen Weg zu finden und die Möglichkeiten des Spiels immer weiter auszureizen. Mit einem Speedrun messen Spieler untereinander ihre Fähigkeiten: Wer kennt das Spiel am besten, wer beherrscht seine Mechanik im Schlaf und wer kennt all die versteckten Geheimnisse? Um sich untereinander messen und vergleichen zu können, nehmen die meisten Spieler ihre Speedruns auf Video auf und veröffentlichen sie im Internet. Zudem gibt es einen Haufen Communitys, entweder für das ausgewählte Spiel an sich oder Communitys, die sich ausschließlich damit beschäftigen, unterschiedliche Spiele im Speedrun zu meistern.

Die ersten Speedruns: Herausforderungen für Hardcore-Fans

Der 1993 erschienene Shooter Doom erlaubte es dem Spieler, Demo-Files beim Spielen aufzunehmen. Damit wurde es möglich, die Videos auszutauschen und sich untereinander zu vergleichen. Es folgten mehrere Spieler-Communitys im Netz, in denen sich Spieler gegenseitig unterschiedliche Aufgaben stellten, die sie in Doom absolvieren sollten – der Preis für das Erreichen der Vorgaben waren Titel in der Spieler-Community und das Gefühl, eine Herausforderung zu meistern, die den gewöhnlichen Gamer überfordern würde.

Spieleentwickler wurden auf diese Konkurrenz zwischen Gamern aufmerksam und versahen ihre Spiele immer häufiger mit der vom Spieler benötigten Zeit am Ende eines jeden Levels oder nach den Credits. So führten es beispielsweise die Entwickler 3D Realms in ihrem 1996 veröffentlichten 3D-Shooter Duke Nukem 3D ein. In der Metroid-Reihe wurden schnelle Spieler sogar mit unterschiedlichen Abspännen belohnt. Auch die Super-Mario-Reihe und der RPG-Klassiker The Legend of Zelda entwickelten sich zu beliebten Speedrun-Games. Diese Konsolenspiele machten es Speedrunnern allerdings schwerer, da das Aufnehmen und Verbreiten der Aufnahmen nicht möglich war. Doch mit der Entwicklung von Emulatoren ließen sich Konsolenspiele auch auf dem PC spielen – so entwickelten sich auch die Tool-Assisted Speedruns. Mit einem Emulator kann man Games einfach in Zeitlupe spielen, das vereinfacht die Steuereingabe zur rechten Zeit. Nicht immer werden Speedruns als Tool-Assisted gekennzeichnet, häufig lässt sich die Toolnutzung aber bei genauer Betrachtung erkennen – für viele Speedrunner gilt die Zuhilfenahme eines solchen vereinfachenden Tools jedoch als Ausschlusskriterium für einen echten Speedrun.

Mittlerweile gibt es Speedruns in allen Genres und auf allen Plattformen. In einigen Games werden Spieler sogar dafür belohnt, ein Spiel schnell zu beenden. So erhält man im RPG-Klassiker Final Fantasy IX eine der stärksten Waffen im Spiel, wenn man innerhalb von 12 Stunden (ein normaler Durchgang nimmt etwa 35 bis 40 Stunden in Anspruch) das letzte Dungeon erreicht. Viele Spiele belohnen einen auch mit Achievements und Trophäen, wenn man das Game im Turbogang abschließt.

Speedruns nach unterschiedlichen Regeln

Die benötigte Zeit ist bei allen Speedruns das wichtigste Kriterium, doch gibt es zahlreiche unterschiedliche Varianten an Speedruns.

  • Any%: Hier geht es lediglich darum, das Spiel so schnell wie möglich erfolgreich zu beenden. Dafür muss nicht jeder Boss besiegt, nicht jeder Abschnitt besucht und nicht jedes erdenkliche Item eingesammelt werden.

  • 100%: Anders als bei Any% muss man für diese Kategorie auch diverse Nebenquests erledigen oder Items einsammeln – praktisch alle Herausforderungen, die das Spiel bietet. Das bedeutet für die meisten Games, auch alle Zwischenbosse zu besiegen, jedes Collectible einzusammeln und sämtliche Sidequests abzuschließen. Ein normaler Spieler braucht dafür schon mal an die hundert Stunden. Ein Speedrunner versucht diese Zeit auf unter zehn Stunden zu reduzieren.

  • Low%: Während es bei Any% egal ist, wie viel man während des Runs im Spiel erledigt, zielt Low% darauf ab, nur das Nötigste zu machen. Das schließt auch so wenige Upgrades und Level-ups wie möglich ein, was den Schwierigkeitsgrad des Spiels immens erhöht.

  • No death: Normalerweise stellt der Game-over-Screen für einen Spieler kein Problem dar – es wird einfach am letzten Save Point wieder gestartet. Bei einem No-death-Speedrun stirbt die Figur allerdings kein einziges Mal.

  • Pacifist Run: Bei einem Pacifist Run gilt es, alle Gegner zu ignorieren und das Spielende zu erreichen, ohne einen Gegner besiegt zu haben. Das ist nur möglich bei Spielen, die das Besiegen von Gegnern nicht als Hauptziel haben. Bei anderen Games kann sich der Speedrunner darauf beschränken, nur die Bosse zu besiegen.

Schließlich gibt es noch die Möglichkeit oder das Ausschließen von der Nutzung von Glitches und Bugs. Dies variiert je nach Kategorie und wird häufig zusätzlich angegeben. Cheats sind hingegen im Normalfall unerwünscht.

Die unglaublichsten Speedruns

  • Super Mario World Speedruns: Die Jump'n Runs aus dem Hause Nintendo sind besonders beliebt unter den Speedrunnern. Mithilfe eines Glitches in Super Mario World für den guten alten SNES wird es möglich, gleich im ersten Level zu den Credits zu warpen. Beeindruckender ist aber der Speedrun von PangaeaPanga, der das Spiel trotz Augenbinde in 23:14 Minuten durchspielt.

  • Zelda Speedruns: Der RPG-Klassiker The Legend of Zelda ist dafür bekannt, eine ausufernde Story, eine große Welt, Rätsel und zahlreiche Kämpfe zu bieten. Umso beeindruckender ist es, ein Spiel dieser Reihe in nur 18 Minuten durchzuspielen. Der Speedrunner Cosmo hat es geschafft den N64 Titel Ocarina of Time in einer Zeit von 18:07 Minuten zu beenden. Möglich ist dies zwar nur mit Glitches und Shortcuts, dennoch beeindruckend. Den OoT-Speedrun findet man hier.

  • Pokemon Speedruns: Wer in seiner Kindheit viel Zeit damit verbracht hat, seinen Pokedéx so gut wie möglich zu füllen, wird die Leistung von Speedrunner Shenanagan entsprechend würdigen können. Schließlich schafft er es in Pokemon Blau alle 151 Pokemon in nur 1:58 Stunden zu fangen. Dafür zwingt er die Spielmechanik und den Programmcode in die Knie. Teilweise sind nur noch Pixel zu sehen und als Zuschauer zweifelt man öfter daran, dass alles nach Plan verläuft, am Ende hat Shenanagan jedoch seine 151 Pokemon.

  • Dark Souls no Death Speedrun: Die Souls Reihe ist bereits dafür bekannt, selbst die härtesten Gamer zum Weinen zu bringen – wenn man nun auch noch sieht, wie der Speedrunner Igniterun1 Dark Souls durchspielt, ohne auch nur einmal zu sterben, ist die Verzweiflung komplett. Zusätzlich schafft er es, das Spiel in nur 1:12 Stunden durchzuspielen – ein Speedrun der Extraklasse.

Speedrunning gilt unter einigen Usern heutzutage als regelrechter E-Sport und bekommt entsprechende Aufmerksamkeit. Wer Speedruns live miterleben möchte, findet auf der Streaming-Plattform Twitch eine riesige Auswahl an immer neuen Streams in allen Kategorien. Bekannte Speedrunner, an denen man sich orientieren kann, sind beispielsweise Cosmo, Cowen Hames und Siglemic.