Chronisches Waffen-Nachladen – gibt es Heilung?

Chronisches Waffen-Nachladen – gibt es Heilung?
Games 27.02.2018

Wir haben erst einige wenige Schüsse abgegeben, aber dennoch ist sie schon da – diese panische Stimme im Hinterkopf, die uns drängt: „Das Magazin ist nicht mehr bis zum Anschlag voll! Sofort nachladen!“ Und dabei spielt es gar keine Rolle, ob vielleicht nur noch 3, 10 oder sogar noch über 100 Schuss im alten Magazin übrig gewesen wären. Hauptsache, maximale Munition – dann sind wir auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Dieser Zwang zum ständigen Nachladen kann jedoch echt lästig werden und uns sogar den Sieg kosten. Nachladen kostet Zeit, im hitzigen Gefecht zählt jede Sekunde – in der unser Charakter dann vielleicht gerade nicht reaktionsfähig ist. Wie konnte das Nachladen nur zur Sucht werden? Gibt es nichts, was wir dagegen tun können?

Der Zwang kommt schleichend

Anfangs war es vielleicht nur eine Vorsichtsmaßnahme: In jeder kleinen Feuerpause füllen wir das Magazin lieber wieder auf, damit wir dem nächsten Gegner, der uns vor die Flinte läuft, ein paar Schuss voraus sind. Denn vielleicht hat uns irgendwann mal ein Gegner ins virtuelle Jenseits geschickt, weil unsere Munition gerade aufgebraucht war. Doch diese Vorsichtsmaßnahme kann schnell zu einem Zwang werden. Ganz automatisch findet der Finger dann ständig seinen Weg zur Nachlade-Taste, auch wenn wir zuvor womöglich erst ein einziges Mal kurz den Abzug betätigt haben. Blöd nur, wenn wir dann während der Nachlade-Animation schon vom nächsten heranstürmenden Gegner erledigt werden – obwohl doch eigentlich noch mehr als genug Munition für ihn im alten Magazin gewesen wäre.

Fatale Realitätsnähe

Besonders fatal wird der Nachlade-Zwang dann, wenn die Entwickler Wert auf Realitätsnähe gelegt haben. Etwas, was viele Gamer ja lautstark fordern. In diesem Fall verzichten wir aber doch ganz gerne darauf. Denn wenn im realen Leben bei einer Waffe das ganze Magazin gewechselt wird, sind alle noch im alten Magazin enthaltenen Patronen futsch. Im Spiel wäre es natürlich sehr ärgerlich, wenn wir ein noch halb volles Magazin wechseln würden. Dadurch schrumpft unsere gesamte Munitionsmenge schneller, als wir looten können. In solch einem Fall helfen nur Disziplin und Selbstbeherrschung.

Bewusstes Nachladen üben: Gears of War mit Active Reload

Hat sich der Nachlade-Zwang einmal richtig eingebrannt, könnte als ein Therapieansatz vielleicht Gears of War helfen. Dort belohnt uns das aktive Nachladesystem namens „Active Reload“ nämlich dafür, wenn wir unser Magazin ganz bewusst wieder auffüllen: Auf Knopfdruck erscheint in unserer HUD-Anzeige eine Art Ladebalken. Nun müssen wir den sich bewegenden Strich im richtigen Bereich des Balkens stoppen und bekommen dann einen Boost. Nicht nur die Ladegeschwindigkeit wird dadurch erhöht, sondern die Munition verursacht auch mehr Schaden. Wenn das mal keine Motivation ist, wieder das bewusste Nachladen zu üben.

Eine Zwangsneurose kommt selten allein

Kleine Zwangsneurosen wie das chronische Nachladen sind unter Gamern gar nicht selten anzutreffen. Nicht jeder verliert beim Nachladen die Beherrschung. Doch die meisten Zocker werden sich sicher in mindestens einem der folgenden Punkte wiederfinden:

  • Wir müssen in jede Ecke schauen, jeden Stein umdrehen und jede Kiste kaputtschlagen. Es könnte schließlich irgendwo noch etwas versteckt sein. Diesen Zwang können wir auch dann nicht ablegen, wenn unser Inventar bereits zum Bersten voll ist und wir sowieso nichts mehr aufnehmen könnten.
  • Trotz eines automatischen Speichersystems trauen wir dem Ganzen nicht so recht. Vor dem Beenden des Spiels müssen wir einfach noch einen manuellen Speicherstand erstellen. Sicher ist sicher.
  • Besonders unter engagierten Rollenspielern ist der Zwang verbreitet, jede einzelne Dialogoption durchzugehen. Und sind die Geschichten des NPCs auch noch so öde, es könnte ja doch irgendwo eine interessante Info in einem Nebensatz versteckt sein oder sich gar eine kleine Nebenmission aktivieren lassen.
  • Es ist rot: Wir müssen darauf schießen! Viele Spiele geben uns Hinweise mittels Farbe, und Rot an einem Gegenstand ist ein eindeutiges Signal, dass sich eine Aktion ausführen lässt. Häufig handelt es sich um rote Fässer, die nach Beschuss explodieren. Nur blöd, wenn wir eigentlich heimlich aus dem Hinterhalt angreifen wollten. Manchmal ist die Versuchung zu schießen aber eben einfach zu groß – wir haben ja schließlich gerade frisch nachgeladen …