Spielzeit versus Wiederspielwert – Sind längere Spiele immer besser?

Games 02.12.2016

Eine weit verbreitete Theorie in Foren, Kommentarspalten und sozialen Netzwerken ist, dass die Singleplayer-Kampagnen aktueller Games immer kürzer werden und darunter die Qualität leidet. Als beliebtes Beispiel muss regelmäßig die Call of Duty-Reihe herhalten, deren Story-Modus selten länger als sechs bis acht Stunden in Anspruch nimmt. Spiele wie GTA 5, The Witcher 3 oder Skyrim mit Spielzeit von mehreren hundert Stunden bilden einen starken Kontrast dazu. Aber geht die Länge einer Singleplayer-Kampagne wirklich Hand in Hand mit der Qualität? Machen Games mit mehr Spielzeit nur wegen ihrer Länge automatisch mehr Spaß?

Spielzeit: Wie lang muss ein Spiel wirklich sein?

Schon wenn es um die richtige Spiellänge geht, scheiden sich die Geister, da hier diverse Faktoren eine Rolle spielen. Zunächst einmal steht bei der Diskussion um die Spielzeit immer der Gegenwert des investierten Geldes im Vordergrund. Gerade neue Spiele sind mit rund 60 Euro, insbesondere für jüngere Käufer, nicht gerade günstig. Dementsprechend spielt die Spieldauer eine entscheidende Rolle in der Kaufentscheidung – je länger ein Spiel, desto mehr Gegenwert bekommt man (quantitativ) für sein Geld. Allerdings werden manche Spiele auch künstlich gestreckt – dann bleibt der Spaß für viele Spieler auf der Strecke. Besonders in Open-World-Games gibt es viele Nebenaufgaben und Minispiele zu erledigen, die die Spielzeit nach oben treiben. Die lange Spielzeit in Skyrim kommt vor allem dadurch zustande, dass es in der Spielwelt besonders viel zu entdecken und zu tun gibt. Die Quest-Reihe der Hauptgeschichte macht nur einen Bruchteil der Spiellänge aus. Dasselbe gilt für Spiele wie GTA, Assassin's Creed, Far Cry und viele mehr. Deren offene Spielwelten bieten zwar viel Inhalt, aber der bewegt sich durch sich ständig wiederholende Nebenaufgaben und Sammelgegenstände oft an der Grenze zur Fleißarbeit. Wer gerne erkundet, sammelt und jede noch so versteckte Nebenaufgabe erledigen möchte, für den sind diese Spiele ideal geeignet, und genau das wird ihnen positiv angerechnet. Auf der anderen Seite gibt es Spiele, die bewusst auf eine kurze Spiellänge setzen und genau dafür gelobt werden, beispielsweise die Portal-Spiele. Hier ist die geringe Spielzeit sogar ein Pluspunkt – im Englischen spricht man von „all killer, no filler“, also zu jedem Zeitpunkt spitze und zu keinem Zeitpunkt künstlich in die Länge gezogen und damit langweilig. Die Kunst liegt also nicht in der Länge des Spiels allein, sondern vielmehr in der Inszenierung. Ein gutes Beispiel für aufgeblähtes Gameplay ist das 2014 erschienene Horrorspiel Alien: Isolation, in dem der Spieler nahezu machtlos ist und vor dem berühmten Xenomorph flüchten muss – ein Kniff, der zuvor bei Indie-Horror-Games wie Outlast oder Amnesia zum Einsatz kam. Was bei den relativ kurzen Indie-Titeln jedoch prima funktionierte, wirkte beim Vollpreistitel von Sega am Ende etwas aufgebläht und dem Spiel ging irgendwann die Luft aus.

Replay-Value: Kurz, knackig und nochmal von vorn!

Ein wichtiger Faktor für den Spaß von Singleplayer-Spielen ist auch der Replay-Value (Wiederspielwert), sprich: die Motivation, das Spiel mehrmals durchzuspielen. Der Wiederspielwert ist dabei völlig unabhängig von der eigentlichen Spiellänge. Ein Beispiel: die Dark Souls Spielzeit beträgt im ersten Durchlauf bereits 40–60 Stunden, weitere Durchläufe im New Game + (wo Charakterlevel und Ausrüstung erhalten bleiben) nehmen dann immer weniger Zeit in Anspruch, was den Spieler motiviert, das Spiel mehrmals durchzuspielen. Ebenso nennenswert ist der Klassiker Resident Evil 2, dessen Story in gerade einmal vier Stunden durchgespielt werden kann. Durch unterschiedliche Charaktere und Verläufe der Geschichte, je nachdem, welchen Charakter man im ersten Durchlauf gespielt hat, entwickelt das Spiel einen enormen Replay-Value und motiviert zum mehrmaligen Durchspielen. Durch einen hohen Wiederspielwert können demnach auch kurze Story-Modi auf eine beachtliche Spielzeit kommen.

Ein nichtlinearer Handlungsverlauf ist ohnehin ein großer Faktor für den Wiederspielwert. Vor allem Rollenspiele wie The Witcher 3 setzen auf genau diesen Kniff. Als Spieler trifft man Entscheidungen, die direkten Einfluss auf den Spielverlauf haben und dazu verleiten, in einem weiteren Durchgang andere Entscheidungen zu treffen. Dasselbe gilt für unterschiedliche Herangehensweisen an ein Spiel, im Shooter-Rollenspiel-Mix Deus Ex beispielsweise lässt sich das gesamte Spiel durchspielen, ohne auch nur einen virtuellen Gegner zu töten. So bietet das Spiel durch seine unterschiedlichen Herangehensweisen – Ballern oder Schleichen – Ansporn für mehrere Durchgänge. Könige des Replay-Values bleiben aber Spiele, die auf die Suche nach immer besserer Ausrüstung ausgelegt sind, seien es Action-Rollenspiele wie Diablo 3 und Path of Exile oder Shooter wie Destiny und Borderlands 2. Der Antrieb, dieselben Levels immer und immer wieder zu spielen, ist hier die Jagd nach Upgrades, virtueller Währung und besseren Gegenständen. Fazit: Auf die Länge kommt es nicht an Ein besonders langes Spiel ist nicht automatisch gut – und ebenso wenig ist ein kurzes Spiel automatisch schlecht. Die reine Spiellänge ist letztlich nur ein Faktor von vielen, der zwar etwas über das Spiel aussagt, aber nicht über dessen Qualität. Gerade in Open World Spielen wie Fallout, GTA oder Skyrim wird die Spielzeit von einigen gelobt und hervorgehoben, während andere von den vielen Nebenmissionen und repetitiven Aufgaben gelangweilt sind. Andererseits sind einige Spieler der Meinung, eine kurze Singleplayer-Kampagne sei ihr Geld nicht wert – auch wenn sie hochgradig unterhaltsam ist. Das Empfinden ist hier völlig subjektiv. Eins steht allerdings fest: Die reine Spielzeit kann auch durch den Wiederspielwert beeinflusst werden. Nur weil ein Spiel eine kurze Kampagne hat, heißt das nicht, dass man es nach einmaligen Durchspielen endgültig zur Seite legt. Gute Spiele zeichnen sich, ebenso wie ein guter Film oder das Lieblingsbuch, dadurch aus, dass man sie immer wieder spielen kann – unabhängig davon, wie lang oder kurz sie sind.