Die Vor- und Nachteile von Open-World-Games: Teil 2

Games 24.02.2017

Im ersten Teil zum Thema haben wir bereits eine grobe Genre-Definition mithilfe von eindeutigen Open-World-Merkmalen aufgestellt und einen kritischen Blick auf Pro und Kontra im Storytelling geworfen. Diesmal beschäftigen wir uns mit Vor- und Nachteilen hinsichtlich Atmosphäre und Glaubwürdigkeit der Spielwelt sowie Gameplay-Kniffen, bevor wir ein Gesamtfazit zu Open-World-Games ziehen.

Atmosphäre in offener Spielwelt: Abtauchen, wenn die Qualität stimmt

Was die offene Spielwelt hinsichtlich Erzähldichte und Spannung einbüßt, kann sie mit Atmosphäre und Glaubwürdigkeit doppelt und dreifach wettmachen, solange die Qualität stimmt. Punkten kann ein Open-World-Spiel zunächst mit seiner schieren Größe, aber das eben auch nur, wenn die Grafik stimmt – oder zumindest der Grafikstil. Egal, ob man in die Täler von Skyrim schaut, seinen Blick über das Ödland in Fallout schweifen lässt oder die Skyline von Los Santos in GTA 5 bestaunt: Eine passende Optik sorgt für Stimmung. Die schiere Entfernung und zugleich das Wissen, dass man die weit entfernten Gebäude, Landschaften und Objekte tatsächlich erforschen kann, sind allein Spielen mit einer offenen Spielwelt vorbehalten. Besondere Freude macht sich dann breit, wenn die Landschaften, Dörfer und Städte durch computergesteuerte Charaktere (NPCs), Zufallsereignisse und viele liebevolle Details auch noch Leben ausstrahlen. Genau das macht bei diesem Genre eben Qualität aus, und wo manche Spiele genau hierbei Lorbeeren einheimsen und diese Möglichkeiten voll nutzen, schießen sich andere beim Versuch ins Bein. Da wirkt dann auch schon mal das postnukleare Ödland lebendiger und ansprechender als eine zentralafrikanische Savanne, die voller Leben sein sollte.

Inhalte und Aktivitäten: Jahrmarkt der Langeweile?

Ein Umstand, der Entwickler vor eine große Herausforderung stellt und schnell zum echten Problem werden kann: Offene Spielwelten wollen sinnvoll ausgefüllt werden. Gibt es in der Spielwelt zu wenige Gründe, sie zu erkunden und sich abseits der Haupthandlung zu bewegen, wird die gesamte Offenheit ganz schnell überflüssig, ja wegen der unnötig weiten Wege sogar teils richtig hinderlich. Gibt es hingegen zu viele lieblose Aktivitäten und Nebenmissionen, die eher den Charakter von Fleißarbeit anstelle von Spaß und Abenteuer versprühen, wird ebenfalls das Potenzial solcher Spiele verschenkt. Gute Open-World-Rollenspiele – allen voran The Witcher 3 – zeigen, wie man eine Spielwelt sinnvoll füllen und ihr Leben einhauchen kann. Die Entwickler des Hexer-Abenteuers erreichen das vor allem durch interessante Nebenmissionen, die allesamt eigene Geschichten erzählen und oft spürbare Auswirkungen auf die gesamte Spielwelt haben. Das Gangster-Action-Epos GTA 5 geht einen anderen Weg: Mit sehr vielen Minispielen und kleinen optionalen Aufgaben laden die Stadt Los Santos und die umliegende Region auch mal zum Abschalten und freien Erkunden ein, ohne an die Folgen denken zu müssen. Eine Runde Golf zwischen Schießereien kann überraschend befreiend wirken. Ein Spiel profitiert vor allem dann von der offenen Spielwelt, wenn die Nebenquests und Aktivitäten einem nicht aufgezwungen werden, man sie aber im Idealfall dennoch gerne macht. Zum Nachteil wird das Ganze, wenn einen das Open-World-Spiel mit Side Quests nahezu erschlägt und das Spiel sogar bestimmte, immer wiederkehrende Elemente voraussetzt, damit die Haupthandlung voranschreiten kann – beispielsweise, wenn Türme erklommen werden müssen, um Teile der Karte aufzudecken. Genau so etwas ist ein immer wieder anzutreffendes Open-World-Element, das nahezu immer schlecht bei Spielern ankommt. Es fühlt sich nach reiner Pflichterfüllung an, anstatt Spaß zu machen und willkommene Ablenkung zu bieten. Wenn auf der Karte hunderte Aktivitäten angezeigt werden, die man als Spieler verfolgen kann, leidet die Spielwelt darunter und verkommt zum Jahrmarkt, auf dem man von Attraktion zu Attraktion stürzt, nur um festzustellen, dass alles doch nur halb so viel Laune macht wie erhofft. Hier muss neben der Qualität der Aufgaben und Aktivitäten also auch das Verhältnis stimmen.

Gameplay-Freiheit: Mir sagt keiner, was ich zu tun habe!

Zu guter Letzt sprechen Open-World-Games einen ganz besonderen Typ Spieler an: nämlich den, der vielleicht gar nicht so viel Wert auf eine zusammenhängende Handlung mit klassischem Spannungsbogen legt, sondern viel lieber machen will, worauf er Lust hat. Eine Freiheit, die maßgeblich für den Erfolg von GTA und Co. verantwortlich sein dürfte. In ein gutes Open-World-Game kann man auch einfach zwischendurch mal 30 Minuten abtauchen und Quatsch machen, Chaos stiften oder Gameplay-Mechaniken auszureizen versuchen, um die Spielphysik an ihre Grenzen zu bringen oder die Grenzen der Spielwelt zu überdehnen. So gibt es beispielsweise eine ganze Community unter GTA 5 Spielern, die immer wieder kuriose Experimente starten. Zum Beispiel um eine Methode zu finden, wie man den scheinbar nicht zu stoppenden Zug in Los Santos zum Stehen bringen kann. Wenn ein Open-World-Spiel diesen Sandbox-Charakter zusätzlich mitbringt, ist das ein riesiger Pluspunkt, den lineare Spiele mit eng umgrenzten Levels in dieser Form gar nicht bieten können.

Fazit: Open-World rockt! (im besten Falle)

Open-World-Games sind in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für den Gaming-Markt und manche Genres profitieren besonders stark von den Vorzügen, die mit der offenen Welt Hand in Hand gehen. Spiele aus der GTA- oder The Elder Scrolls-Reihe würden ohne offene Spielwelt gar nicht funktionieren und hätten nie ihren Kultstatus erreicht. Allerdings hat sich „Open World“ seit einigen Jahren zu einem Trend entwickelt, der gerne auch wieder etwas abebben darf. Denn mit den vielen Pros von Open-World-Spielen können auch Kontras einhergehen. Das haben zahlreiche durchschnittliche bis schlechte Open-World-Games in den letzten Jahren bewiesen, die zum Teil ohne offene Spielwelt vermutlich deutlich besser funktioniert hätte. Eines von vielen Beispielen ist Mafia 3, dessen tolle Story sich oft in Open-World-Fleißarbeit verliert und dadurch leider viel Potenzial verschenkt. Also: Offene Spielwelten sind sehr gern gesehen, aber wenn, dann bitte gut ausbalanciert, mit Liebe designt und mit Leben gefüllt.