Kickstarter Games: Funktioniert das Crowdfunding?

Games 12/29/2016

Spieleentwicklung ist eine teure Angelegenheit. Besonders große Projekte verschlingen mehrere Millionen Euro Entwicklungskosten durch Personal, Lizenzen, Programme und viele weitere Ausgaben. Deshalb sind Entwicklerstudios in der Regel auf einen großen Publisher angewiesen, der die Projekte finanziert und den Vertrieb übernimmt. Durch das Wachstum der Independent Szene haben sich jedoch weitere Finanzierungsmodelle für kleinere Entwicklerstudios etabliert. Darunter die Option des Crowdfundings, um Games zu realisieren, die andernfalls nur eine Idee bleiben und an den Produktionskosten scheitern würden. Als beliebteste Plattform dazu hat sich Kickstarter etabliert. Hunderte Entwicklerteams haben sich mit ihrem Konzept bereits auf Finanzierungssuche direkt bei den Spielern gemacht. Nach einigen Jahren Erfahrung und den ersten dutzend veröffentlichten Crowdfunding Spielen lässt sich ein erstes Fazit ziehen und eine Prognose erstellen, ob das Modell langfristig funktionieren wird.

Wie funktioniert Crowdfunding für Games?

Das Prinzip der Schwarmfinanzierung, auf Englisch „Crowdfunding“, funktioniert für Spiele, aber auch für viele andere Ideen, deren Verwirklichung lediglich die Finanzierung im Wege steht – selbst die Herstellung eines Kartoffelsalates hat es bereits geschafft, von hunderten Privatinvestoren finanziert zu werden. Die klammen Spieleentwickler wenden sich an eine Plattform, meist Kickstarter, und stellen dort ihre Idee vor. Außerdem kalkulieren sie ein Finanzierungsziel, das benötigt wird, um das Projekt umzusetzen. Wird das Finanzierungsziel innerhalb des festgelegten Finanzierungszeitraumes nicht erreicht, ist das Projekt gescheitert. Erreichen die Entwickler schon vor Ablauf der Finanzierungskampagne das Mindestbudget für die Spiele, bietet Crowdfunding die Möglichkeit sogenannte Stretch-Goals zu setzen. Das sind Boni, die dem fertigen Produkt hinzugefügt werden. Bei Spielen handelt es sich dabei meist um zusätzliche Inhalte, besondere Features, einen physischen Release oder das Mitwirken bekannter Synchronsprecher, Branchengrößen oder ähnliches. Um bei Kickstarter die Spiele und deren Finanzierung besonders schmackhaft zu machen, erhalten die als „Backer“ bezeichneten Finanzierungswilligen bestimmte Belohnungen, die sich nach der Höhe der Spende richten. Das reicht von einer digitalen Kopie der Kickstarter Games, über Special Editions, signierte Konzeptzeichnungen bis hin zu Treffen mit den Entwicklern. Ist die Finanzierungsrunde abgeschlossen, beginnt bei den Entwicklern die Arbeit am Titel und bei den Unterstützern das Hoffen auf eingehaltene Versprechen.

Games von Kickstarter und Co. können scheitern

Das Bangen und Hoffen ist nicht ganz unbegründet, denn einer Tatsache muss man sich als Crowdfunding-Unterstützer immer bewusst sein: Ein Projekt kann scheitern, was bedeutet, dass die Finanzierung verpufft und man am Ende ohne das gewünschte Produkt oder Spiel dasteht. Oder das Spiel bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, weil die Entwickler nicht alle Features umsetzen konnten oder ihnen schlicht das Geld ausging. Das Risiko der Spieleentwicklung, das üblicherweise vom Publisher übernommen wird und gegebenenfalls mit Finanzspritzen abgefedert werden kann, übernehmen bei den Crowdfunding Games die Spieler selbst. Einige finanzierte Projekte sind bereits offiziell gescheitert oder in Vergessenheit gerate, darunter Code Hero. Dessen Kickstarter-Kampagne begann bereits 2012, und der Entwickler sammelte insgesamt rund 200.000 US-Dollar (ca. 170.000 über Kickstarter und ca. 30.000 über die eigene Homepage). Ein fertiges Spiel gab es jedoch nie, lediglich Beta-Versionen – und dann verschwand eines Tages die Website des Entwicklerteams, ohne weitere Updates zum Projekt.

Ein weiteres prominentes Beispiel mit einer etwas anderen Problematik ist Broken Age. Entwicklerlegende Tim Schafer und sein Studio Double Fine Productions wandten sich 2012 an Kickstarter mit Ihrer Spieleidee, ein neues Adventure zu entwickeln. Mit Klassikern wie Day of the Tentacle, Full Throttle und Grim Fandango im Hinterkopf der Spieler-Community war das ursprüngliche Finanzierungsziel von 400.000 US-Dollar innerhalb von knapp neun Stunden erreicht, nach 24 Stunden waren es eine Million und am Ende schloss die Finanzierung mit insgesamt 3,3 Millionen US-Dollar ab – mehr als genug, um die Entwicklung und sämtliche Stretch-Goals sicherzustellen. Allerdings sollte alles anders kommen: Gut ein Jahr später gestand Schafer ein, dass das Projekt nicht rechtzeitig fertiggestellt werden würde, holte sich ein externes Studio mit ins Boot und teilte das Spiel in zwei Akte auf. Der erste Akt wurde im Januar 2014 via Steam Early Access veröffentlicht und verkauft, der zweite Akt und das fertige Gesamt-Spiel erschien schließlich im April 2015 und bekam eher durchschnittliche Wertungen – nachdem bereits weitere Einnahmen durch Akt 1 generiert wurden. Broken Age ist ein gutes Beispiel für ein beinahe gescheitertes Kickstarter Game, das am Ende hinter den Erwartungen zurückblieb.

Games, die mit Crowdfunding zu Hits wurden

In Depressionen zu verfallen und sämtliche Crowdfunding Games nun abzuschreiben ist jedoch auch falsch. Schließlich haben viele Titel bewiesen, dass die Schwarmfinanzierung durchaus ein Erfolg werden kann. Allen voran der kleine, aber feine (und dazu bockschwere) Titel FTL: Faster Than Light. In dem Strategiespiel übernimmt man die Kontrolle über eine Raumschiff-Crew, die sich durch mehrere Systeme schlagen muss, um wichtige Informationen zum Hauptquartier der Galaktischen Föderation zu bringen. Immer auf den Fersen sind einem dabei die Rebellen, die genau das verhindern wollen, sowie Weltraumpiraten und andere feindlich gesinnte Fraktionen und Aliens. Die Kickstarter-Kampagne mit angestrebten 10.000 US-Dollar schloss mit stattlichen 200.000 Dollar ab, und schon etwa ein halbes Jahr später wurde der Überraschungshit veröffentlicht. Kritiker sowie Spieler waren sofort vom Spiel begeistert, und FTL hat sich mittlerweile millionenfach auf PC und iOS verkauft. Daher gilt es als eines der besten Beispiele dafür, dass Kickstarter Spiele funktionieren. Ähnlich erfolgreich und beliebt sind auch die Crowdfunding Games Wasteland 2 (ein Rollenspiel im Stile der klassischen Fallout Games), The Banner Saga (ein Taktik/Rollenspiel-Mix mit Wikingern), Shadowrun Returns (ein Rollenspiel mit der Shadowrun Lizenz, spiritueller Nachfolger des SNES-Hits), das in Deutschland entwickelte Jump'n'Run Giana Sisters: Twisted Dreams und viele weitere.

Aber auch einige momentan noch unveröffentlichte Crowdfunding Spiele sind auf einem guten Weg und versprechen eine Erfolgsgeschichte zu werden. Allen voran die Weltraumsimulation Star Citizen von Entwicklerlegende und Wing Commander-Schöpfer Chris Roberts: Weit über 100 Millionen Dollar hat Roberts mit seinem Studio Cloud Imperium Games über die ursprüngliche Kickstarter-Kampagne (ca. 2 Millionen) und die eigene Roberts Space Industry Website (über 113 Millionen, Stand Juni 2016) bereits sammeln können. Wann das Spiel erscheinen wird, ist noch unklar, aber dass es erscheinen wird, ist mehr als wahrscheinlich. Schließlich war keine andere Spiele Crowdfunding-Kampagne bislang so erfolgreich. Einzelne spielbare Module, etwa der Hangar oder Arena Commander, wurden Unterstützern bereits zugänglich gemacht. Am Ende sollen alle Module und Konzepte in ein persistentes Universum münden, das Weltraumsimulation mit Ego-Shooter, Wirtschaftssimulation, Koop- sowie Mehrspielerelementen verbindet. Die Gaming-Welt wartet gespannt auf das höchst ambitionierte Crowdfunding Spiel.

Fazit: Crowdfunding Games unterstützen – ja oder nein?

Ein allgemein gültiges Fazit über den Sinn oder Unsinn von Kickstarter lässt sich nicht ziehen – das muss jeder für sich selbst finden. Viele Projekte, bei denen die Schwarmfinanzierung sowie das finale Produkt erfolgreich waren, machen Mut. Dutzende andere Kampagnen, die nach erfolgreicher Finanzierung oft sang- und klanglos im Sande verliefen oder bei denen das fertige Produkt weit hinter den Erwartungen zurückblieb, trüben dieses Bild allerdings wieder. Wer ein Kickstarter Game unterstützt, geht immer ein gewisses Risiko ein und muss für sich selbst abwägen, ob der Businessplan des Studios, das Produkt und die ausgerufenen Ziele realistisch sind. Wenn einem das Konzept gefällt und alles für einen Erfolg sowie vertrauenswürdige Entwickler spricht, kann man die Finanzierung ruhig wagen – auch wenn das Risiko der Enttäuschung stets wie das berühmte Damoklesschwert im Raum hängt.