Games 11.11.2016

Seit das kalifornische Studio Telltale Games mit The Walking Dead das Spiel zum Zombie-Franchise veröffentlichte (die erste Season erschien 2012), feiern die Entwickler einen Riesenerfolg nach dem anderen. Die Geschichte rund um die kleine Clementine, die sich gemeinsam mit anderen Überlebenden in der Zombie-Apokalypse durchschlägt, war ausschlaggebend für viele weitere Games mit bekannten Lizenzen, die demselben Schema folgen:

The Wolf Among Us: Das Spiel basiert auf den Fables-Comics, in denen Fabelwesen und Figuren aus Märchen, Mythen und Legenden versteckt vor den Augen normaler Menschen im modernen Manhattan leben. Als Spieler schlüpft man in die Rolle des Fable-Sherriffs Bigby Wolf (dem großen bösen Wolf aus dem Märchen Rotkäppchen) und muss eine Mordserie in Fabletown aufklären. Noir-Atmosphäre, tolle Dialoge und explizite Gewalt machen aus TWAU eine düstere Geschichte für Erwachsene.

Game of Thrones: Telltale Games sicherte sich auch die überaus erfolgreiche Lizenz zur HBO-Serie Game of Thrones (nicht der Buchvorlage von George R. R. Martin) und lieferte ein Spiel im Stile ihrer anderen Adventures in Westeros ab. Kritiker und Fans waren allerdings weniger überwältigt als bei anderen Telltale-Spielen – einige Stimmen behaupteten sogar, Telltale sei erstmals an einem Vorlagen-Stoff gescheitert.

Tales from the Borderlands: Es war eine Überraschung für viele Gamer, als Telltale Games und Gearbox Software ein Telltale-Adventure im beliebten Borderlands-Universum ankündigten. Aber die Mischung ging hervorragend auf. Nicht nur für Fans von Telltale und Borderlands gilt Tales from the Borderland als eines der besten Spiele der Kalifornier.

Back to the Future / Jurassic Park: Noch bevor Telltale Games mit The Walking Dead den großen Durchbruch und kommerziellen Erfolg erzielte, experimentierten die Adventure-Experten mit bekannten Marken. Während Back to the Future überwiegend positive Wertungen einheimsen konnte, war Jurassic Park ein ziemlicher Flop – viel zu eingeschränkt war der Spieler in seiner Handlungsfreiheit.

Für Telltale Games war The Walking Dead also der wegweisende Titel, der die Ausrichtung des gesamten Studios und alle folgenden Spiele nachhaltig beeinflussen sollte.

Wenig Gameplay, aber viel filmreifes Storytelling

Egal welches Telltale-Spiel man spielt, seit The Walking Dead hat sich die Formel nur wenig verändert, und vom klassischen Adventure kann kaum noch die Rede sein. Aber gerade hier hat Telltale Games seine Ursprünge: Zwischen 2006 und 2010 war das Indie-Studio vor allem Fans klassischer Point and Click Adventures ein Begriff, da es sowohl altbekannten Serien wie Sam & Max oder Monkey Island zu Fortsetzungen verhalf, als auch eigene Klassiker wie Nelson Tethers: Puzzle Agent schuf.

Vom klassischen Adventure ist seit dem ersten The Walking Dead Spiel des Studios nicht mehr viel übrig geblieben. Denn Puzzles und Denkaufgaben sind zwar vorhanden, aber deutlich in den Hintergrund getreten. Das Hauptaugenmerk des Spiels liegt auf der Erzählweise, filmreifen Dialoge und Entscheidungen, die Konsequenzen für den gesamten Verlauf des Geschehens haben. Actionszenen werden ausschließlich mit Hilfe von Quick Time Events gelöst (bei den sogenannten QTEs wird der Spieler über Einblendungen aufgefordert, innerhalb weniger Sekunden eine bestimmte Taste zu drücken) – alles Indizien dafür, dass es sich bei den Telltale-Spielen eher um interaktive Filme handelt.

Interaktive Filme: Ursprung in den 90er-Jahren

Mit Aufkommen der CD-ROM in den 90ern trat ein neues Genre der Computerspiele in Erscheinung: der interaktive Film. Hier wurden Realszenen in B-Movie Charme aufgezeichnet und als Spiel zusammengefügt. Da sich die Produktion allerdings sehr aufwändig gestaltet und der Speicherplatz einer CD-ROM schnell erschöpft war, gab es relativ wenige Handlungsstränge und Entscheidungen, die die Handlung grundlegend veränderten. Der große Erfolg der interaktiven Filme blieb aus und sie verschwanden ebenso schnell wieder von der Bildfläche, wie sie aufgetaucht waren. Nichtsdestotrotz kann man sie als geistige Vorgänger der Spiele von Telltale Games und Co. bezeichnen, da die Grundidee dieselbe war: die filmreife Inszenierung einer Geschichte, deren Verlauf der Spieler selbst bestimmt.

Nicht nur Telltale macht sich das Rezept zu Nutze

Nicht nur Telltale Games greift dieses Konzept auf, auch andere Studios lassen in ihren Spielen die Grenzen zwischen Spiel und Film immer mehr verschmelzen. Beispielsweise das französische Entwicklerstudio Quantic Dream, dessen Chef David Cage schon seit Jahren eine ähnliche Philosophie verfolgt. Auch Quantic Dream produziert Spiele, deren Gameplay sich vor allem über das Erleben einer Geschichte und Quick Time Events auszeichnet. Cages Feder entstammen die Titel Fahrenheit (aka Indigo Prophecy), Heavy Rain, Beyond: Two Souls und das für PS4 angekündigte Detroit: Become Human. Außerdem zu nennen ist das britische Entwicklerstudio Supermassive Games, das mit Until Dawn einen der Überraschungshits 2015 für die Playstation 4 abgeliefert hat. Genau wie bei den anderen Titeln dieser Art ist auch in Until Dawn das Gameplay sehr mager. Im Vordergrund von Until Dawn stehen die Charaktere und die interaktive Geschichte: Man begleitet eine Gruppe Teenager auf eine Party in einer Berghütte, die in klassischer Horror-Film-Manier von einem Killer heimgesucht wird. Je nachdem, wie man sich als Spieler entscheidet, überleben alle Charaktere die Nacht, einige wenige, nur einer oder niemand.

Telltale Games und Co. – weiter mit dem Erfolgsrezept

Das beschriebene Rezept hat sich als extrem erfolgreich erwiesen und begeistert trotz des eher mageren spielerischen Anteils weltweit Millionen Spieler. Deshalb stehen uns die nächsten Jahre noch weitere Titel im Stile von Telltale Games The Walking Dead, Quantic Dreams Detroit: Become Human oder Supermassives Until Dawn ins Haus. Mit Batman hat Telltale sogar die nächste Kracher-Lizenz an der Hand und könnte den nächsten Hit abliefern – für Gamer und Comic-Fans gleichermaßen ist die Kombination Telltale und Batman eine himmlische Union!

Fazit: Spiel oder Film – ganz egal

Ob es sich bei den Spielen von Telltale Games und Co. nun um Spiele oder Filme handelt, spielt eigentlich keine große Rolle. Natürlich mag der ein oder andere behaupten, dass es sich nicht um „richtige“ Spiele handele. Fakt ist aber: Die Entwickler haben eine Formel gefunden, die funktioniert, Millionen Menschen Spaß bereitet und eine ganz spezielle Nische besetzt. Wir freuen uns auf Batman von Telltale und alle anderen Spiele dieser Art, die über Steam oder Playstation Network bald den Weg in unser Wohnzimmer finden werden