Glaubwürdig oder nur Kulisse? Games und Geschichte – Teil 1

Glaubwürdig oder nur Kulisse? Games und Geschichte – Teil 1
Games 23.08.2017

Sei es der Wilde Westen in Red Dead Redemption, das Florenz des 15. Jahrhunderts in Assassin‘s Creed II oder die Schlachtfelder an der Westfront zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Battlefield 1: Games bedienen sich häufig historischer Ereignisse oder versuchen, den Zeitgeist einer bestimmten Epoche einzufangen. Das Gefühl von Authentizität, das dem Spieler dabei vermittelt werden soll, und die tatsächliche historische Korrektheit passen jedoch nicht immer zusammen. Wie nah bewegen sich Videospiele mit historischem Inhalt in der Regel tatsächlich an der Wirklichkeit?

Den Zeitgeist einfangen und Vergangenes erlebbar machen

Auch wenn sich die meisten Gamer mittlerweile auch in Weltraumszenarien und Fantasy-Welten zu Hause fühlen, schaffen es Spiele mit historischem Setting in der Regel noch leichter, dass wir uns mit dem Geschehen identifizieren. Schließlich geht es um unsere Geschichte. Um Ereignisse, die uns in den meisten Fällen zumindest grob bekannt sind und die gleich mehrere Assoziationen in uns hervorrufen. Doch es verlangt den Entwicklern einiges ab, in einem Spiel wie Assassin‘s Creed Unity den Zeitgeist der Französischen Revolution wirklich glaubhaft darzustellen. Nicht nur die damalige Architektur von Paris, auch die Kleidung der Menschen, das Straßenbild sowie das Verhalten und die Sprache der Leute: Diese Dinge müssen alle authentisch sein, damit es so wirkt, als würde das Spiel reale Geschichte darstellen. Ubisoft ist mit der Assassin’s Creed-Serie auch deshalb so erfolgreich, weil Historiker an der Entwicklung der Spiele mitarbeiten. In umfangreichen Recherchen wird rekonstruiert, wie das jeweilige Setting zu der entsprechenden Zeit ausgesehen hat, damit alles plausibel wirkt.

Fiktion und Realität geschickt verstrickt

Denn meistens kommt es einzig darauf an, dass der Rahmen der eigentlichen Handlung, also die Kulisse, vor der das Spielgeschehen abläuft, überzeugend dargestellt wird. Dann passiert es meist von ganz allein, dass wir vollkommen in die Geschichte eintauchen. Das Gefühl von Authentizität wird noch verstärkt durch historische Persönlichkeiten, die uns im Laufe des Spiels begegnen, oder weil wir besondere geschichtliche Ereignisse mit unserem Spielcharakter beobachten. Die Haupthandlung, durch die sich unser Held bewegt, ist jedoch meistens komplett fiktiv. Sie wird aber oftmals geschickt mit einigen historischen Ereignissen verwoben. Wenn dabei unbemerkt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen, trägt das in der Regel viel zum Spielspaß bei. Das ist in etwa vergleichbar mit den Romanen von Dan Brown, bei denen sich der Leser hinterher immer fragt, was nun historische Fakten sind und was komplett ausgedacht ist.

Historisch korrekt oder Erwartungen erfüllt?

Manchmal sehen wir manche Dinge sogar eher als historisch korrekt an, wenn sie strenggenommen eigentlich falsch dargestellt werden. So klettern wir in Assassin‘s Creed Unity über Notre Dame in Paris. Die Kathedrale sieht im Spiel fast genauso aus wie heute, weswegen sie alle Spieler sofort erkennen. Der Blick über die Stadt wirkt so für heutige Augen einfach „richtig“. Doch tatsächlich besaß Notre Dame zur damaligen Zeit noch einen unspektakulären Holzturm. Für einen imposanteren Anblick und damit jeder das Wahrzeichen sofort erkennt, wurde die Kirche darum wie heute dargestellt: mit Doppeltürmen aus Stein. Unser Geschichtsbild ist häufig auch so stark durch die Popkultur beeinflusst, dass wir bestimmte Dinge einfach erwarten, auch wenn sie nicht auf Tatsachen beruhen. Beispielsweise werden wir uns Spartaner ab jetzt vermutlich immer wie muskelbepackte Kraftprotze á la Leonidas und Co. aus dem Film 300 vorstellen – auch wenn das mit der Realität sicher nicht sehr viel zu tun hat.

Im zweiten Teil unseres Exkurses über die Darstellung von historischen Ereignissen in Games zeigen wir, dass zu strenge historische Genauigkeit den Entwicklern manchmal eher Probleme bereiten kann. Denn nicht immer ist das der beste Weg, um ein Spiel möglichst gut zu vermarkten und für den größtmöglichen Spielspaß zu sorgen. Doch genau darum geht es schließlich vorrangig. Außerdem versuchen wir eine Antwort auf die Frage zu finden, ob wir Videospiele doch als kleine Geschichtsstunde ansehen können und ob sich manche Computerspiele gar für den Geschichtsunterricht eignen.